Split

Das muss eine Verwechslung sein.

Das Meer, die Pinien, die weissen Häuser und der grüne Markt, ich bin wieder daheim. Doch ich verstehe die Leute nicht. Ich kenne die hochgesteckten Zöpfe der alten Frauen, die Muster ihrer schwarzen Kleider und die Furchen ihrer Hände. Doch will ich eine Schale Feigen oder ein Glas Honig kaufen, muss ich mit dem Finger zeigen. Ich beisse mir auf die Zunge, und die Frauen lachen, bis die Waage im Gleichgewicht ist. Ihre Stimmen sind laut, die Leute schreien über den Platz, ihre Lautstärke entmutigt mich. Ich kenne die lauten Strassen, aber ich weiss nicht, wohin sie führen. Wenn ich die Orientierung verliere, folge ich den Strassen runter bis ans Meer und suche von neuem meinen Weg. Ich kenne die abgeblätterten Farben der Häuser, im roten Haus war früher der Bahnhof und dort, wo die Katzen schlafen, die Metzgerei. Ich kenne die Bäume, ich weiss, welche Mandeln bitter schmecken, und reibe Fenchelblüten zwischen meinen Fingerspitzen. Unter einem Feigenbaum bleibe ich stehen, ich rieche seine Früchte, seine Blätter, sein warmes Holz, und möchte mich in seine Arme werfen. Das Rauschen der Pinien, das Knistern der trockenen Nadeln unter den Schuhen, das Schnarren der Zikaden. Und hier soll ich noch nie gewesen sein? Ich laufe weiter, entferne mich von der Stadt und verliere mich zwischen den Schatten der Bäume, bevor ich zu den Klippen komme. Das Meer empfängt mich mit seinem Seufzen. Ich springe ins kalte Wasser, es verschlägt mir den Atem. Ich höre das Rascheln der Seeigel in der Tiefe und die Kiemen der Fische flattern, ich schwimme mit ihnen, solange ich Luft habe. Das Salz überzieht meine Haut und die Härchen auf den Armen mit silbernem Glanz. Die Sonne neigt sich dem Meer zu. Dort, wo ich herkomme, geht sie in den Bergen unter, hier ist alles spiegelverkehrt. Es raschelt im hohen Gras. Es sind die Jungen der wilden Hunde und Katzen, mit denen wir damals spielten, man hat ihnen ein Halsband umgelegt, damit sie nicht überfahren werden. Ich gehe zurück auf den Markt, hier fühle ich mich aufgehoben. Die Frauen mit den Feigen sitzen unter den Sonnenschirmen und sind einen Tag älter geworden. Eine alte Frau fragt mich etwas. Sie wartet einen Moment auf meine Antwort, dann deutet sie mir, meine Hände zu zeigen, und schaut, ob ich einen Ring trage. Ich stelle mir vor, die jüngste Tochter der Frau zu heiraten und jeden Tag Knoblauch zu verkaufen auf dem Markt. So kehre ich nach all den Jahren als Fremder in mein Dorf zurück. Hier brauchen sie das deutsche Wort für einen wie mich, ich habe es unter den fremden Wörtern herausgehört: Gastarbeiter, die Person wird mit dem Wort ausgebürgert. Jetzt bin ich ein Gastarbeiter, der hier schreibt. Das muss eine Verwechslung sein. Ich bin am falschen Ort gelandet, wo niemand auf mich gewartet hat. Ich höre mich auflachen, als ich mir vorstelle, wie jemand in meinem Dorf umherirrt, bei der schönen Frau des Metzgers oder bei meinem Onkel in der Bar nach dem Weg fragt und ebenso wenig versteht wie ich. Der Staub über den Bocciabahnen, die Flüche der Kartenspieler, die blinkenden Kinderschuhe, ich kenne sie, und der andere kennt sie auch. Aber ich habe das Gefühl, dass nicht echt ist, was ich sehe, eine billige Kopie, ein Duplikat, gestohlen wie die Sphinx in der Mitte des Platzes. Ich sitze zu ihren Füssen, bis es dunkel wird, der Stein wärmt meinen Rücken. Anstatt mit den Männern zu scherzen und mit den Mädchen zu tanzen, erstarre ich wie eine Eidechse und warte, bis mich die Sonne und eine vertraute Stimme, eine bekannte Sprache wecken.
 



Im Sommer 2016 war ich einen Monat lang Writer in Residence in Split und danke Pro Helvetia, traduki und Udruga Kurs herzlich für die Ermöglichung des Aufenthalts und die kroatische Gastfreundschaft.

Aktuelles

Der Autor Patric Marino bietet wieder eine Textwerkstatt an der Volkshochschule Bern an, im Herbst mit Schwerpunkt Spoken Word, im Winter mit Euren Mini-Reportagen. Hier findet Ihr weitere Informationen, ich freue mich auf Eure Anmeldungen und Texte!

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