Marina und Superiore

Badolato superiore, alter Dorfteil im Landesinnern, 240 m ü. M., ca. 620 Einwohner


«Vor fünf Jahren hat mir Mimmo ein schwarz-weisses Foto von Badolato gezeigt aus den Fünfzigern. Er kommt wie viele Badolatesi in Wetzikon in meine Arztpraxis, da ich Italienisch spreche. Mimmo hat mir von Badolato superiore erzählt und von den alten Häusern, die renoviert und als Ferienhäuser verkauft wurden. Ich habe sofort zugeschlagen. Das Dorf sieht heute noch aus wie auf dem schwarz-weissen Foto, gleichzeitig ist alles farbig und lebendig. In meinem ersten Sommer habe ich Brombeerkernchen von der Terrasse gespuckt, und ein Jahr später wucherte da ein Brombeergestrüpp. Jeden Sommer verbringe ich einen Monat in meinem Haus in Badolato. Ich habe mein eigenes Bett, meine Bücher und mein Geschirr. Die Pastateller stehen im Küchenschrank vor den flachen Tellern. Öl und Wein kaufe ich bei meinen Nachbarn, am Morgen bringt mir Santa Brot herunter. Santa wohnt über mir, seit neunzig Jahren lebt sie in der gleichen Wohnung. Vor einem Jahr fiel sie die Treppe herunter und brach sich das Bein. Als ich in die Ferien kam, bat sie mich, etwas auf ihren Gips zu zeichnen. Der Gips war bereits vollgekritzelt, ich fragte: ‹Seit wann tragen Sie den Gips?› Santa sagte: ‹Seit drei Monaten.› Ich schnitt den Gips sofort auf und nahm in ab. Santas Bein war so schwach, dass sie nicht darauf stehen konnte. Wir machten einen Monat lang zusammen Physiotherapie. Jetzt kann sie wieder die Treppe gehen und bringt mir jeden Morgen frisches Brot herunter. Seither kommen viele Leute mit ihren Gebrechen zu mir, einmal wurde ich sogar zu einer Geburt gerufen. In Badolato superiore gibt es keinen Arzt und keine Apotheke. Ich nehme immer einen Koffer voller Medikamente, Verbandszeug und Instrumente aus der Schweiz mit und lasse das Material hier. Santa gibt mir Olivenöl, Honig und Brot mit nach Hause. Das sind die Geschenke zur Hochzeit, gleichzeitig sind es die Grabbeigaben. Der Glauben der Badolatesi ist stark, ihr Aberglaube ebenfalls. Neben meinem Haus steht die Chiesa del Carmine. Mario, ein Mann so alt wie Santa, sammelt jeden Morgen Staub vom Kirchenboden auf und lässt ihn vom Messdiener segnen, dann rührt er den Staub in Wasser ein und trinkt ihn.»


«I really like it here. This place is just amazing. It’s absolutely beautiful.»


«Es ist niemand da. Es ist niemand da. Wen suchen Sie? Den Sie suchen, er ist bestimmt gegangen. Mein Grossvater ging vor hundert Jahren nach Amerika. Vor fünfzig Jahren gingen sie alle nach Wetzikon. Und wenn sie zurückkamen nach Badolato, bauten sie ein Haus am Meer, um Ferien zu machen. Ihre Elternhäuser liessen sie leer, das Dorf, in dem sie aufgewachsen sind, liessen sie zerfallen. Schauen Sie sich um.»

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