Marina und Superiore

Badolato marina (Kalabrien, Italien), neuer Dorfteil am Meer, 0 m ü. M., ca. 3'200 Einwohner


«Wenn es dunkel wird, sieht man, wo die Leute wohnen und Licht machen, wo niemand wohnt und es dunkel bleibt. Dann kommen die Männer zu mir in die Bar Leone. Am Morgen kommen sie Kaffee trinken und am Abend Schnaps. Wo sollen sie zu dieser Jahreszeit sonst hingehen? Die Pizzeria: geschlossen. Die Gelateria: geschlossen. Der Lido: geschlossen. Du hättest im August nach Badolato kommen müssen, nicht im November. Im August wohnen hier dreimal so viele Leute wie jetzt, und alle sind auf der Strasse und am Strand. Einen Monat lang ist Badolato der Nabel der Welt. Die Ausgewanderten kehren zurück. Ich kenne viele von ihnen, jeder kennt jemanden aus Wetzikon. Ich mache ihre Post, ihre Rechnungen, ihre Fahrzeugbewilligungen. Wenn sie in Badolato ankommen, holen sie zuerst bei mir ihre Dokumente ab. Mit jedem Jahr vergessen sie unsere Sprache ein Stück mehr. Sie machen hier Ferien und meinen, sie würden so leben wie früher. Aber wenn sie Ende August nach Hause fahren, lassen sie ein leeres Dorf zurück, dann sieht es hier aus wie nach dem Markttag. Ein Sprichwort besagt: ‹Chi parte sa quello che lascia, ma non sa quello che trova.› Ich sage: All die Badolatesi, die vor vierzig, fünfzig Jahren nach Wetzikon auswanderten, die wussten, was sie dort erwartete. Doch was liessen sie zurück? Sie wussten gar nichts. Sie gingen, weil es hier keine Arbeit gab. Aber was machen all die Afrikaner hier auf den Plantagen? Was machen die Rumänen in den Häusern der Alten? Was machen die Chinesen in ihren Läden? Sie arbeiten. Sie arbeiten gut und viel, das ist es nicht. Aber sie gehen mir auf den Sack. Ich würde sie alle ausschaffen. Sie nehmen uns die Arbeit weg. Solange die unsere Arbeit machen, wollen die jungen Italiener nicht arbeiten. Sie studieren, lassen sich zu Hause durchfüttern und gehen dann in den Norden. Und was macht der Staat? Nichts. Er hat uns vergessen. Anstatt Geld bekommen wir die Ausländer aus dem Norden. Sie schicken sie nicht zurück nach Afrika, sondern zu uns. Es macht keinen Unterschied, Kalabrien ist ein Drittweltland. Irgendwas ist falsch gelaufen in den letzten Jahrzehnten. Mussolini, der wusste noch wie, Mussolini hat uns Strassen und die Eisenbahn gebracht, nicht Ausländer. Ich würde sie alle ausschaffen: die Ausländer, die Politiker und den Papst.»


«Nimm dir eine Mandarine. Ich habe sie gestern gepflückt, die ersten Mandarinen. Wie sie riechen! Meine Frau parfümiert ihren Hals mit der Schale der Mandarinen. Und wie sie schmecken! Solche Mandarinen findet man in der Schweiz nicht, oder? Die Früchte, die auf unserem Land wachsen, sie haben den Geschmack der Erde, die Kraft der Sonne, sogar den Geruch des Meeres. Unser Land ist arm, aber die Erde ist reich, das ganze Jahr lang. Jetzt ist die Zeit der Mandarinen, der Khaki und Granatäpfel, dann reifen die Orangen, bis im Mai bereits die Sommerfrüchte kommen. Wir haben in Kalabrien alles. Für meinen Laden muss ich trotzdem Früchte und Gemüse hinzukaufen. Die Leute wollen alles früher oder später kaufen, als es hier Saison hat, Kaktusfeigen im Sommer und Kaktusfeigen zu Weihnachten. Als ich klein war, hat mein Vater die indischen Kakteen im Sommer geschnitten, damit sie erst im Winter Früchte machen. Heute verfaulen die Kaktusfeigen unter den Stauden, und ich verkaufe Kaktusfeigen aus Sizilien. Es tut mir weh, all die Früchte am Boden zu sehen, wenn ich übers Land fahre. Das Land gehört niemandem mehr oder Leuten, die ausgewandert sind oder es verkauft haben. Schau, diese Vase habe ich auf meinem Land gefunden. Eine antike griechische Vase. Ich weiss nicht, wie viel sie wert ist. Wenn ich sie verkaufe, kommen die Archäologen und stechen mir das Land um. Deshalb behalte ich die Vase, und meine Frau bewahrt darin Knöpfe auf.»


«Badolato war in der Antike eine griechische Kolonie. Ein paar Jahrhunderte später haben byzantinische Mönche im Landesinnern ein befestigtes Kloster errichtet, das heute noch steht. Neben dem Kloster entstand das Dorf Badolato. Bis vor fünfzig Jahren lebten Mönche im Kloster, Badolato superiore hatte über 6'000 Einwohner. Doch dann wanderte eine ganze Generation aus oder zog ans Meer. In Badolato marina, wo es vorher nur den Bahnhof und die Bar gab, wurden farbige Häuser aus dem Boden gestampft, ohne Baubewilligung, möglichst schnell und billig. In Superiore wohnen heute nur noch dreihundert gebürtige Badolatesi und ebenso viele Dazugezogene. Die dreizehn Kirchen, das Kloster und die Paläste sind geblieben, doch sie sind dem Verfall ausgesetzt. Solange Menschen da waren und die Gebäude nutzten, blieben sie bestehen, während tausend Jahren. Seit sie leer stehen, verfallen sie. In Badolato superiore gibt es keine Schule mehr, keine Metzgerei, keine Bäckerei. Einzig die Bar degli Artisti und ein Lebensmittelladen sind geblieben. Händler fahren die Viertelstunde bis Superiore nur noch hoch, wenn ein Fest oder eine Prozession stattfindet. Wer will in einem solchen Dorf noch wohnen? Zusammen mit anderen Architekten und Bauunternehmern habe ich die verlassenen Häuser renoviert und zu Ferienwohnungen umgebaut. Wo früher vier Familien in je einem Zimmer wohnten, gibt es jetzt ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, eine Küche und ein Badezimmer, sprich eine Ferienwohnung. Diese Wohnungen haben wir an Leute vermietet aus Norditalien, aus der Schweiz, einige sogar aus Wetzikon, aus Deutschland, Frankreich und Amerika. Unter ihnen sind viele Künstler, Architekten und Gebildete, die der Bausubstanz Sorge tragen und das Dorfbild nicht durch Neubauten verschandeln. Diese Leute haben gewisse Ansprüche an eine Ferienwohnung. Vor fünfzig Jahren mussten die Frauen am Fluss Wasser holen gehen, heute gibt es in jedem Badezimmer eine Dusche, eine Badewanne, ein Fussbad und eine Waschmaschine. Das ist mehr, als die meisten Italiener haben, die hier leben. Wir haben die Wohnungen nicht verkauft, sondern vermietet. Die Mietverträge haben eine Laufzeit von dreissig, vierzig Jahren. Die Wohnungen gehören praktisch den Mietern, sie konnten auch beim Innenausbau mitbestimmen. Falls ein Mieter die Laufzeit überlebt, kann er sie natürlich verlängern. Wenn er oder seine Nachkommen die Wohnung aber nicht mehr wollen, gehört die Wohnung wieder uns, und wir können sie weitervermieten. Wenn wir die Häuser verkauft hätten, geschähe irgendwann dasselbe, was wir zu verhindern versuchen: Badolato superiore würde ein Geisterdorf werden.»

Agenda

26.10.2018

Kofmehl Solothurn

16-20: Textkiosk mit Noëmi Lerch und Patric Marino (Aktionstage Psychische Gesundheit, freie Texte!)
mehr Infos...