Marina und Superiore

Wetzikon – Badolato, 1'500 Kilometer, 22 Stunden Busfahrt, 120 Franken / 100 Euro für eine einfache Fahrt


«Es gibt vier Busunternehmen, die von Wetzikon nach Badolato fahren: Gulli, Tino, Calanda und wir, Nova Reisen. Gulli war der Erste, er hatte mal zwölf Busse, jetzt sind es noch vier. Er tat nichts für die Leute, weil er bis vor zehn Jahren der Einzige war. Als die anderen Unternehmen kamen, haben die Leute gewechselt. Tino fährt alte Busse, dafür hat er tiefe Preise. Calanda fährt neue Busse, aber du darfst nicht mal dein Panino im Bus essen oder deinen Rucksack reinnehmen, und wenn du den kleinen Zeh in den Mittelgang streckst, motzen sie dich an. Seit vier Jahren fahre ich für Nova Reisen, über uns kann ich nichts Schlechtes sagen. Früher fuhr ich für Gulli, aber plötzlich waren da nur noch Junge, ich kannte keinen mehr. Da war ich Mitte Dreissig. Als mein Vater pensioniert wurde und nach Badolato zurückkehrte, ging ich mit ihm. Zehn Jahre lang arbeitete ich in Badolato auf dem Bau, auf Orangen- und Blumenplantagen, fuhr Camion. Alle sagen, in Kalabrien gibt es keine Arbeit. Ich sage, in Kalabrien gibt es genug Arbeit für alle, was fehlt, ist das Geld. Du arbeitest, und am Ende des Monats kriegst du keinen Lohn. In Kalabrien ist die Lebensqualität höher als hier, die Luft, das Meer, die Menschen, alles. Aber davon lebt man nicht. Nach dreissig Jahren in der Schweiz fehlte mir die Sicherheit. Ich hatte keinen fixen Arbeitsvertrag, keinen pünktlichen Lohn, schlechte Krankenkassen und Versicherungen. Du musst für alles selbst schauen, ich habe diese Energie nicht mehr aufgebracht. Im Juni dieses Jahres bin ich in die Schweiz zurückgekehrt. Ich fahre jetzt Busse in der Stadt Zürich, Linie 31 von Zürich Hegibachplatz bis Schlieren Zentrum. Am Wochenende fahre ich mit dem Bus von Wetzikon nach Italien und zurück.»


«Vor zwei Jahren sagte mein Mann: ‹Jetzt können wir nach Badolato zurückkehren. Unsere Kinder sind alt genug, um alleine in der Schweiz zu leben.› Ich sagte: ‹Wenn du gehen willst, kannst du alleine gehen. Ich bleibe hier bei den Kindern.› Also ging mein Mann alleine. Nach einem halben Jahr kam er zurück nach Wetzikon. Diesmal fahre ich alleine nach Badolato, um meinen Vater zu besuchen. Er ist krank, meine Schwester pflegt ihn seit dem Tod meiner Mutter. Am 1. November ist Allerheiligen, am 2. November der Tag der Toten. Ich fahre, um meiner Mutter zu gedenken, und ich fahre meinetwegen. Wenn ich in Kalabrien bin, habe ich keine Rückenschmerzen. Es gibt dort mehr Arbeit für mich als in Wetzikon, ich putze, koche, pflege, lese Oliven, doch für mich sind es Ferien. Früher fuhren wir jeden Sommer als Familie hin. Wir haben in Badolato marina ein grosses Haus gebaut. Ich weiss nicht, ob wir das Haus für die Ferien oder zum Leben gebaut haben. Wir haben es für unsere Kinder gebaut, das ist einfach die Mentalität in Kalabrien. Jetzt steht das Haus leer. Wenn unsere Kinder nach Badolato kommen, wohnen sie bei den Eltern meines Mannes. Aber sie kommen nur selten. Wie oft wären sie gekommen, wenn wir nach Badolato gegangen wären? Und wie oft, wenn sie eine Familie haben werden? Ich kann die Stunde kaum erwarten, wenn meine Enkel auf die Welt kommen. Das ist mein einziger Wunsch, Grossmutter zu werden. Deshalb bleibe ich in der Schweiz, weil meine Kinder und meine Enkel in der Schweiz sein werden. Meine Kinder hatten ihre Grosseltern in Kalabrien, das ist nicht dasselbe. Man muss sich nahe sein, um miteinander verbunden zu sein. Ich bin im Haus meiner Grosseltern aufgewachsen, und ich will, dass meine Enkel das auch erleben. Neben dir habe ich das Gefühl, mit meinem Sohn nach Badolato zu reisen.»


«Ich habe zwei Sitze: einen für mich und einen für meinen Bauch. In diesem Car habe ich immer zwei Sitze, deshalb reise ich mit Nova Reisen. Essen, trinken, alles ist erlaubt ausser rauchen. Ich lege eine Serviette über meine Beine und fühle mich wie zu Hause. Alle vier, fünf Stunden machen wir Rast auf einem Autogrill. Man geht auf die Toilette, pisst, wäscht sich die Hände und das Gesicht. Dann setzen wir uns an einen Tisch und essen und trinken zusammen. Wir sind eine grosse Familie. Im Zug reist man alleine. Man schläft in der gleichen Couchette, und am Morgen spricht man nicht miteinander, weil der geschnarcht und die im Schlaf geredet hat. Im Car finde ich immer jemanden zum Schwatzen und Scherzen. Wenn es dunkel wird, schauen wir im Car einen Film, heute schauen wir ‹A natale mi sposo›. Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben, ich fahre alleine zu meiner Schwester. Sie lebt in unserem Elternhaus in Badolato superiore mit ein paar Hühnern, es gibt Olivenbäume, Orangenbäume, Weinreben. Jetzt helfe ich meiner Schwester bei der Olivenlese. Aus dem grössten Teil der Oliven machen wir Öl, einen kleinen Teil legen wir in Salzlake ein. Die Orangen pressen wir aus, und die Feigen trocknen wir, weil wir mit Essen nicht mitkommen. Von diesen Waren nehme ich so viel mit in die Schweiz, wie ich tragen kann. Wenn ich nach Badolato fahre, sind meine Taschen halb leer. Ich bringe meiner Schwester zwei Kartons UHT-Milch, vierundzwanzig Liter. Meine Schwester mag Schweizer Milch, sie hat einen anderen Geschmack als die Milch in Italien. Schau dir mal die Kühe an, dann weisst du warum. Für die Reise habe ich Müller-Milch mitgenommen: Vanille, Erdbeere, Schokolade und Banane. Auf jeder Rast trinke ich eine Müller-Milch.»


«Ich fahre mit meinem Bus in Badolato ab und sammle in ganz Kalabrien Leute ein, die in die Schweiz zurückreisen. In der Nacht fahren wir dem Bus aus der Schweiz entgegen, auf der Höhe von Florenz treffen wir uns. Auf dem Parkplatz eines Autogrills oder eines Supermarkts tauschen Joe und ich unsere Busse. Wir rauchen eine Zigarette, dann fährt Joe mit meinem Bus in die Schweiz und ich mit seinem zurück nach Kalabrien. Ich mag es, in den Süden zu fahren, wenn es heller wird und wir an die Küste kommen. Auf der ersten Rast kommen die Leute zu mir, wir trinken zusammen Kaffee und essen Brioches. Am Samstag machen wir länger Rast, um die Zusammenfassung der Fussballspiele zu schauen. Wenn kein Fussball läuft, spielen wir manchmal selbst Fussball, irgendwo auf einem Parkplatz, mit zwei Taschen als Torpfosten. Bevor wir weiterfahren, zähle ich die Leute. Auf der Raststätte in Lamezia fehlte einer. Ich zählte ein zweites Mal, noch immer fehlte einer. Sitz für Sitz ging ich durch, wie auf einer Schulreise, zum Schluss las ich die Namensliste herunter. Wir fanden nicht raus, wer fehlte, also fuhren wir weiter.»

Aktuelles

Der Autor Patric Marino bietet wieder eine Textwerkstatt an der Volkshochschule Bern an, diesmal mit dem Schwerpunkt Mini-Reportagen. Hier findet Ihr weitere Informationen, ich freue mich auf Eure Anmeldungen und Texte!

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