Marina und Superiore

Wetzikon (Schweiz), 535 m ü. M., 22'061 Einwohner, davon ca. 700 Badolatesi


«Hier wohnen Badolatesi. Da wohnt ein Cousin meiner Frau. Die Bar Leone. Auch in Badolato gibt es eine Bar Leone. Dieser ganze Block gehört einem aus Badolato, er hat ihn vor dreissig Jahren gekauft. Italiener, Türken, Afrikaner, nur Ausländer wohnen in diesem Block. Nur Fiat stehen davor. Im Sommer sitzen die Alten auf ihren Plastikstühlchen draussen vor dem Eingang, und die Jungen holen Pizza in der Pizzeria, ich weiss nicht, wie sie heisst. Im Haus mit den blauen Läden wohnt Giuseppe, ein Nationalist, siehst du die Tricolore vor seinem Fenster? Überall triffst du hier Leute aus Badolato. Du gehst auf die Bank, zum Doktor, in die Migros, überall kannst du Italienisch sprechen. Es gibt immer jemanden, der Italienisch spricht. Schau, hier ist die Bocciabahn. Im Sommer spielen die Männer Boccia, grillen, machen Musik. Jetzt sind Pfützen im Sand, jetzt ist niemand da. Sie sitzen alle in der Colonia Libera, du hast sie gesehen. Mosè. Antonio. Giuseppe. Mimmo, der andere Mimmo, sage ich immer. Andrea, der Junge mit der Juventus-Mütze. Ich hätte ihn nicht erkannt, wenn er nicht ‹Zio Mimmo› gerufen hätte. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Es ist nicht mehr wie früher.»


«Ich kam 1965 nach Wetzikon. Mein älterer Bruder Mimmo war vier Jahre früher nach Wetzikon gegangen und sagte: ‹In der Schweiz ist es gut. Hier gibt es Arbeit und Geld.› Ich folgte meinem Bruder, da es in Italien keine Arbeit und kein Geld gab. Mimmo verschaffte mir eine Stelle in der Kiesgrube und ein Zimmer auf einem Bauernhof. Er sprach etwas Deutsch und übersetzte für mich, der Chef sprach etwas Italienisch. Man verstand sich. Das war nicht immer so. Mimmo arbeitete während der ersten Jahre in Wetzikon auf einem Bauernhof. Er musste um fünf aufstehen, der Bauer zeigte auf die Uhr und sagte: ‹Prima.› Mimmo verstand ‹früher›, und am nächsten Morgen stand er um halb fünf auf. Der Bauer zeigte wieder auf die Uhr und sagte: ‹Prima.› Am nächsten Morgen stand Mimmo um vier auf. Als der Bauer noch immer ‹Prima› sagte und ihm auf die Schulter klopfte, verstand Mimmo, dass das in der Schweiz ein Lob ist. Nach zwei Jahren wechselte Mimmo vom Bauernhof in die Kiesgrube, wo er mir eine Stelle verschaffte. Ich arbeite noch heute in der Kiesgrube, seit 46 Jahren. Damals überwachte ich die grossen Maschinen, jetzt steuere ich selbst eine grosse Maschine, einen Maestro Bagger. Ich lade Kies auf und leere es aufs Förderband. Das hört sich nach harter Arbeit an, aber in meiner Kabine habe ich eine Heizung, eine Musikanlage und eine Freisprechanlage.»


«In der Colonia Libera sind wir alle Badolatesi, ausser Alfonso. Alfonso ist Sarde. Er sagt nie etwas, damit wir nicht merken, dass er unseren Dialekt übernommen hat, nicht wahr, Alfonso? Wir spielen in der Colonia zusammen Karten, ums Trinken spielen wir, wir schauen Fussball und reden. Von den Leuten, die du hier siehst, sind die meisten zweite Generation, die Jungen bei den Autos sind dritte Generation. Mein Vater ist erste Generation, er hat die alte Colonia eröffnet, vor dreissig Jahren. Im Sommer ist sie abgebrannt, warum wissen wir nicht. Sie stand im Zentrum von Wetzikon. Jetzt sind wir hier draussen in einer alten Garage, verstehst du. Als mein Vater vor fünfzig Jahren nach Wetzikon kam, gab es keine Colonia und kein Vergnügen. Für uns aus der zweiten Generation oder für die Leute, die in den Siebzigern, Achtzigern herzogen, ist das unvorstellbar. Nächsten Samstag feiern wir das Kastanienfest, aber unser Lokal ist zu klein dafür, wir haben die Turnhalle gemietet. Es ist ein Fest für alle, die Schweizer sind auch eingeladen. In den letzten Jahren kamen nur Italiener. Vielleicht mögen das nur Italiener. Wir haben einen anderen Sinn für Gesellschaft, einen anderen Humor. Wir sind gerne laut.»


«Ich bin der Präsident der Associazione Badolatesi di Wetzikon. Der Verein wurde vor fünf Jahren gegründet, das Komitee besteht aus acht Personen. Im Komitee sind alle vertreten, die erste, die zweite und die dritte Generation, alles Badolatesi, die heute in Wetzikon leben. Wir, die Associazione Badolatesi, setzen uns ein für einen stärkeren Austausch zwischen Badolato und Wetzikon. Dieses Ziel haben wir letzten Sommer erreicht, als wir Partnerstädte wurden. Am Ortseingang von Wetzikon gibt es ein Schild, auf dem steht: PARTNERGEMEINDE VON BADOLATO. Und in Badolato gibt es ein Schild: GEMELLAGGIO COL COMUNE DI WETZIKON. Der bürokratische Aufwand war riesig, aber wir sind sehr stolz darauf, dass wir das erreicht haben. Die Städtepartnerschaft ist eine Anerkennung für all die Badolatesi, die hierher kamen und nichts hatten und heute in Wetzikon leben. Im Gegensatz zur anderen Partnerschaft mit einer Stadt in Tschechien, die schon länger besteht, ist die Städtepartnerschaft zwischen Wetzikon und Badolato keine rein formelle Partnerschaft. Eine Interessensgrundlage besteht alleine dadurch, dass heute siebenhundert Badolatesi in Wetzikon leben. Bei der Einweihung der Partnerschaft vor einem Jahr kam der Präsident von Badolato nach Wetzikon, und umgekehrt besuchten Vertreter der Gemeinde Wetzikon Badolato. Wir von der Associazione Badolatesi haben eine Musikgruppe aus Badolato eingeladen, es gab kalabresische Spezialitäten, Käse, Salami und Oliven. Die Schweizer sollten unsere Kultur probieren können.»


«Jeden Samstag backe ich Pizza. Du kannst bei uns essen, wenn du willst, meine Töchter werden auch zum Essen kommen. Vor vierzig Jahren machte meine Mutter jeden Samstag Lasagne, Freunde und Verwandte kamen zum Essen, einmal sogar die Familie des Hauswarts. Nun backe ich jeden Samstag Pizza. Ich muss die Backbleche nur noch in den Ofen schieben, bis dann schaue ich fern. Jetzt ist Rad-WM, ich unterstütze die Italiener und Cancellara. Gut, Cancellara ist auch Italiener. Wenn im Fussball die Schweiz gegen Italien spielt, unterstütze ich Italien. Vielleicht hast du die italienischen Fahnen vor meinem Fenster gesehen. Die sind von der letzten WM, als Italien ausgeschieden ist, habe ich sie absichtlich draussen gelassen, ich bin schliesslich immer noch Italiener. Ich habe nur den italienischen Pass. Meine Töchter haben beide Pässe, manchmal fragen sie: ‹Warum habe ich den Schweizer Pass machen müssen?› Sie haben ihre Grosseltern in Italien, sie fühlen sich ihnen verbunden. Ich weiss noch nicht, ob wir an Weihnachten nach Badolato fahren, im Sommer bestimmt. Drei, vier Wochen im Jahr, für immer kann ich es mir nicht vorstellen. Ich habe hier Schule und Ausbildung gemacht, ich habe hier Beruf, Familie und all meine Freunde. Vor allem Badolatesi. So wie ich in Wetzikon lebe, das ist Little Italy ohne die Probleme des grossen Italiens. Ich bin aber in keiner Associazione und gehe selten in die Colonia Libera. Ich stelle mir immer vor: Würde ich das in Italien auch tun? In die Bar gehen und den ganzen Tag trinken und Karten spielen? Nein. Warum sollte ich es hier tun?»

Agenda

26.10.2018

Kofmehl Solothurn

16-20: Textkiosk mit Noëmi Lerch und Patric Marino (Aktionstage Psychische Gesundheit, freie Texte!)
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