Die Grenzgänger

Jeder vierte Erwerbstätige im Tessin kommt aus Italien. Wie funktioniert das in der Praxis? Eine Erkundung vor der Ecopop-Abstimmung. Von Patric Marino und André Raul Surace (Bilder).

Halb sechs Uhr morgens, Antonietta Sartorelli trinkt ihren Milchkaffee in der Küche und blickt aus dem Fenster auf die Lichter im Tal. Irgendwo im Dunkeln liegt die Schweiz. Saltrio ist das letzte italienische Dorf vor der Grenze, zwei Drittel der Erwerbstätigen arbeiten in der Schweiz.

«Meine Mutter arbeitete während 45 Jahren in einer Hemdfabrik im Tessin», erzählt Antonietta. «Am Morgen ging sie zu Fuss eine Stunde zur Arbeit und am Abend wieder eine Stunde zurück nach Saltrio.»

Nach der Schule hat auch Antonietta in einer Schweizer Hemdfabrik gearbeitet. Fünf lange Jahre, die sie aus ihrem Gedächtnis löschen möchte. Seit achtzehn Jahren ist sie Kassiererin bei Coop, zuerst in Chiasso und in Mendrisio, seit drei Jahren in Lugano.

Antonietta packt ihr Mittagessen ein, das sie am Vorabend gekocht hat. Ihr Mann Antonio wird die Pasta in Chiasso essen, wo er in einer Uhrenfabrik arbeitet, Mattia und Lisa in der Schule in Saltrio, Antonietta im Coop in Lugano.

Nach wenigen Minuten Fahrt passiert Antonietta den Zoll, der nicht kontrolliert wird. Im Auto hört sie italienische Musik, so fällt ihr die mühsame Fahrt leichter. Jeden Morgen stauen sich die Autos auf der Autobahn zwischen Mendrisio und Lugano. Eine Blechschlange windet sich entlang der Seen, über Brücken und durch Täler ins Tessin und am Abend zurück nach Italien.

In den letzten zwölf Jahren hat sich die Zahl der «frontalieri», der italienischen Grenzgänger, auf mehr als 60’000 verdoppelt, im Tessin kommt jeder vierte Erwerbstätige aus Italien.

Der Kanton Tessin hat die Masseneinwanderungsinitiative vom 9. Februar mit 68% angenommen, in der Hoffnung, damit nicht nur die Einwanderung, sondern auch die Zahl der Grenzgänger einzuschränken. Der tägliche Stau ist der Beweis für die zunehmende Konkurrenz um die Arbeitsplätze.

Die Zahl der Arbeitsplätze ist im Tessin parallel zur Zahl der Grenzgänger gestiegen, doch das Lohnniveau ist gesunken. Die Löhne der Tessiner liegen im Schnitt 15% unter dem Niveau der Gesamtschweiz, jene der Grenzgänger nochmals 7 bis 8% tiefer.

Zum einen, erklärt die Tessiner Staatsrätin Laura Sadis in einem Gespräch mit der NZZ am Sonntag, gehöre Dumping bei den Lohn- und Arbeitsbedingungen im Tessin zur Tagesordnung.

Zum anderen sind viele Italiener aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit und der tieferen Lebenskosten in Italien bereit, im Tessin zu vergleichbar niedrigen Löhnen zu arbeiten. Nicht nur als billige Arbeitskräfte in der Industrie, wo ihr Anteil mehr als die Hälfte ausmacht, sondern zunehmend in qualifizierten und anspruchsvollen Stellen.

 

Hier geht's zum vollständigen Artikel in DAS MAGAZIN (ab Seite 32).

Text: Patric Marino, Bilder: André Raul Surace, 29. November 2014.

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