Der vergessene Palast

Die Villa Marina in Stresa, direkt am Lago Maggiore, steht seit vierzig Jahren leer. Erbaut hat sie ein exzentrischer Baron, der mit Mussolini befreundet war. Heute interessiert sich niemand mehr für das Gebäude. Eine Ode an den Niedergang in Würde.

Die Köpfe blicken auf die Seepromenade von Stresa, auf die Borromäischen Inseln, über den Lago Maggiore, bis zu den Schneebergen. Sie haben vieles gesehen, kein Wunder, dass sie zitterten, wenn man mit ihnen die Fensterläden arretierte. Jeden Morgen und Abend haben die kleinen, eisernen Köpfe genickt, Baron Basile: zugenickt, Mussolini: zugenickt, Hemingway: zugenickt. Jetzt liegen sie am Boden. Ich möchte die Köpfe fragen, was sie alles gesehen haben, und hebe einen auf, doch er sagt nichts.

Die eisernen Köpfe gehören zur Villa Marina, doch seit vielen Jahren halten sie keine Fensterläden mehr. Die Villa Marina steht leer, gleich wie die anderen Villen im Park, Villa Natalia und Villa Basile di San Rizzo. Zwischen den Villen stehen Autos, der Garten wird als Parkplatz für die Gäste des Hotels La Palma benutzt. Die Gäste fotografieren die Villen, bevor sie die Koffer ausladen und über die Strasse ins Hotel gehen. Sie sehen nur die mit Efeu, Winden und Wildreben überwachsenen Rückseiten der Villen, die Vorderseiten mit den Fresken und Granitsäulen und die kleinen, eisernen Köpfe sehen sie nicht.

„Die drei Villen stehen seit vierzig Jahren leer“, erzählt Rovarino, der eine kleine Pension in Stresa führt und den ganzen Tag fernsieht. „Es war ein riesiges Grundstück, vom See bis zur Bahnlinie hoch, etwa 1300 Quadratmeter. Der obere Teil wurde an die Gemeinde verkauft, da steht jetzt die Station der Carabinieri. Der untere Teil wurde an die Familie Zanetta vom Hotel La Palma verkauft. Die Zanetta haben die Villen nie fürs Wohnen gekauft, sondern als Bauland. Sie haben die Villen verfallen lassen, um sie abzureissen.“

Die Fenster der Villa Marina sind mit weissen Holzbrettern verstärkt, die wie Vorhänge aussehen. Auf dem Dach sind Antennen, Kabel und Schläuche verschwinden im Haus, durchs Efeu schauen Scheinwerfer hervor. Die Villa ist an Maschinen angeschlossen, sie wird künstlich am Leben erhalten. Die Fenster im zweiten Stock stehen offen, als würden die Zimmer gelüftet, durchs kaputte Dach sieht man den Himmel.

„Wir möchten die Villa Marina anschauen“, sage ich an der Rezeption des Hotels La Palma. Und falls Sie weiter von der Villa Marina lesen möchten, finden Sie hier den Artikel als pdf.

 

Von Patric Marino und André Raul Surace (Fotos) in der NZZ am Sonntag vom 30. März 2014.

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