Das Wunder von Bern

Fred Baumann, Ballboy an der Fussball-WM 1954, erinnert sich ans Wunderspiel.

Pokalübergabe: Ballboy Walter Baumann hält den Regenschirm über Fifa-Präsident Jules Rimet (© Keystone)

«Wenn ich in Deutschland erzähle, dass ich als Ballboy beim Wunder von Bern dabei war, klopfen mir die Leute auf die Schulter, als hätte ich mitgespielt. Fantastisch, rufen sie, wunderbar. Einige fangen an zu weinen, noch heute, nach sechzig Jahren. Ich war damals elf und spielte Fussball im Quartierverein. Zusammen mit meinem Bruder Walter und fünf Kollegen waren wir Ballboys bei allen Spielen der Fussball-Weltmeisterschaft 1954 in Bern. Hinter jedem Tor standen drei Jungen. Es gab nur einen Ball, und wenn er hinten ins Aus ging, mussten wir ihn möglichst schnell dem Torwart bringen.

Am Tag des Finalspiels regnete es, die Schwarzhändler wurden ihre Billetts nicht los und verkauften sie zu Spottpreisen. Walter und ich bekamen von einem Händler zwei Billetts geschenkt und verkauften sie für fünf Franken, da wir als Ballboys freien Eintritt hatten. Im Wankdorfstadion waren sechzigtausend Zuschauer. Die meisten wollten Ungarn siegen und Deutschland verlieren sehen. In der Vorrunde hatte die gleiche Begegnung 8:3 für Ungarn geendet, gegen Ungarn konnte man nicht gewinnen. Nach zehn Minuten führte Ungarn mit 2:0 durch Puskás und Czibor. Das Spiel schien seinen erwarteten Lauf zu nehmen, doch in der elften Minute gelang Morlock der Anschlusstreffer für Deutschland, und wenig später erzielte Rahn den Ausgleich. Das Spiel war wieder offen.

Nach der Pause stürmten die Ungarn nach vorn, köpfelten an die Latte, scheiterten am Torwart, jubelten verfrüht und trafen nur das Aussennetz. Die Deutschen hatten kaum mehr Torchancen, und es lief bereits die 84. Minute, als Helmut Rahn vor dem gegnerischen Strafraum den Ball bekam. Ich stand hinter dem Tor der Ungarn und erinnere mich genau, wie er durch zwei Verteidiger hindurch in die Ecke schiesst. Tor! 3:2 für Deutschland, fünf Minuten vor dem Spielende! Ich habe auf keine Uhr so oft geschaut wie auf die Wankdorfuhr. Den Ungarn lief die Zeit davon, für die Deutschen lief sie unendlich langsam. Ungarn griff an, Puskás erzielte den Ausgleich, aber nein, Abseits, das Tor zählte nicht. Aus! Aus! Aus! Das Spiel war aus, und Deutschland war zum ersten Mal Fussballweltmeister.

Jules Rimet überreichte dem deutschen Kapitän Fritz Walter den Pokal, und mein Bruder Walter hielt hinter ihm den Regenschirm. Walter trug eine Mütze, die ihm unsere Mutter gestrickt hatte, das Foto der Pokalübergabe ging um die Welt. Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wurden wieder deutsche Fahnen geschwungen und deutsche Lieder gesungen, es war die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Noch heute kommen viele Deutsche ins Wankdorf und schauen auf die Wankdorfuhr, um einmal da zu stehen, wo das Wunder von Bern geschah.»

Erschienen in Transhelvetica #21 Wunder.

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