Das Universum, ein Uhrwerk

Wer auf den Zug eilt, richtet sich besser nicht nach dem Astrolabium am Zytglogge. Wer aber das Weltbild des Mittelalters und den Stand von Sonne, Mond und Sternen verstehen will, erhält vom Berner Wunderuhrwerk und dem Zytgloggerichter Markus Marti faszinierende Antworten.

Text: Patric Marino, Bild: André Raul Surace

Der Hahn kräht, die chinesischen Touristen stupsen sich an, der Narr schlägt verfrüht die Stunde, die Bären drehen ihre Runden, Handys und Kameras werden gezückt, der Hahn kräht ein zweites Mal, Chronos dreht die Stundenuhr, hebt und senkt sein Zepter, eins, zwei, dreihundert Handys schwenken zum Uhrturm hoch, vier, fünf, sechs, wo der goldene Hans von Thann im Takt des Zepters die grosse Glocke schlägt, sieben, acht, beim neunten Schlag öffnet das Marronihäuschen vor dem Zytglogge seine Luke, zehn, elf, zwölf, der Hahn kräht ein drittes Mal zur Mittagsstunde, die Touristen beenden ihre Videoaufnahme, posten oder verschicken sie rasch, einige von ihnen kaufen Marroni, bevor sie weitergehen, zum Bärengraben runter, zum Bundeshaus hoch, dann ist der Spuk vorbei.

«Was wäre, wenn der Zytglogge um zwölf nicht schlagen und das Figurenspiel nicht laufen würde?», fragt Markus Marti und lächelt stolz. Es ist seine Aufgabe als Zytgloggerichter, dass dies nicht geschieht, seit mehr als vierzig Jahren hat er sein Amt inne. Wenn er erzählt, wie der Bär, der sich im frisch restaurierten Figurenspiel en miniature dreht, 1513 dem französischen König bei Novara abgeluchst und später im Bärengraben zur Schau gestellt wurde, versprüht er kindliche Begeisterung. Er nennt Jahrzahlen mit der Genauigkeit eines Uhrwerks, nur wenn er auf das Astrolabium zu sprechen kommt, schlägt sein Herz schneller. «Die Touristen können damit wenig anfangen, vielleicht weil sich die Zeiger scheinbar nicht bewegen», sagt Markus Marti und deutet auf das astronomische Zifferblatt über dem Tordurchgang, «doch für mich ist das Astrolabium das Herzstück des Zytglogge.»

Er schliesst die kleine Tür zum Uhrturm auf und führt uns über eine Wendeltreppe ins Reich des Zytgloggerichters. Ein schmiedeeisernes Uhrwerk füllt den Raum aus, Zahnräder drehen, Wellen und Hebel bewegen, Seile spannen sich, ein riesiges Pendel schwingt und tickt so laut, dass meine Gesprächsaufzeichnung später kaum zu verstehen sein wird. Das Uhrwerk erinnert an eine Tinguely-Maschine, die aber fünfhundert Jahre alt ist.

 

Weiterlesen im Transhelvetica #50 ALL. Die Geschichte kann hier als Leseprobe heruntergeladen werden.

Agenda

05.04.2019

H95 Basel

20.30: Die Astronauten im Raum für Kultur
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06.04.2019

TaB* Reinach (AG)

20.30: Die Astronauten im Theater am Bahnhof
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