Aufstand der Akademiker

HONTE À VOUS. So steht es auf einem Zettel geschrieben, der an der Eingangstür zu Merck Serono hängt. Wer heute nicht streikt, sondern durch diese Tür hindurch arbeiten geht, lädt sich Schande auf. Ich gehe durch die Tür und warte, bis es mir jemand gleich tut.

«Ja, ich arbeite heute, wie jeden Tag. Seit wann ist das eine Schande? Die Mehrheit der Leute ist heute arbeiten gekommen. Wie viele stehen da draussen vor dem Eingang und streiken? Zweihundert? Dreihundert? Kinder und Hunde mitgezählt. Wo sind die anderen tausend Leute? Sie arbeiten. Wir haben keine Erlaubnis, der Arbeit fern zu bleiben. Wer streikt, tut dies unerlaubt und unbezahlt. Geld ist bei uns sehr wichtig. Wir denken ans Konto und an den Kühlschrank, den man füllen muss. Wenn die Streikenden heute Abend nach Hause kommen, finden sie einen leeren Kühlschrank vor. Das mag egal sein, doch sie wollen Ende Monat kein leeres Konto vorfinden. Deshalb werden viele Leute, die heute streiken, morgen wieder arbeiten kommen. Übermorgen weitere. In einer Woche wird kein Mitarbeiter von Merck Serono mehr streiken, nur noch die Unia.

Die Leute wissen, dass ihr Streik nicht zu Verhandlungen oder Veränderungen führen wird. Auch wenn wir alle streikten, wären wir zu wenige, um die Welt zu verändern. Der Streik ist bloss eine Art, mit seiner Wut umzugehen. Es ist ein Streik des Zorns. Die Leute sind wütend. Ich bin auch wütend, aber ich lasse es anders aus. Ich habe die Nacht nach der Kündigung auch nicht schlafen können, aber ich lag zu Hause wach, nicht auf dem Trottoir vor dem Firmengebäude. Wozu das? Schauen Sie sich die paar Zelte an, so klein und nass wie sie im Regen stehen. Die Streikenden können das Trottoir besetzen, nicht aber das Unternehmen. Sie stehen unter dem Vordach von Merck Serono, doch der Vorstand sieht sie nicht. Das Glasdach spiegelt. Die da oben, sie sehen im Glasdach die Wolken, aber die Menschen darunter sehen sie nicht.

Ich habe heute Morgen vor der Tiefgarage nicht warten müssen, einige sind später zur Arbeit gekommen, ansonsten ein normaler Tag. Ich habe an meinen Projekten gearbeitet. Short term projects, keine long term projects mehr, das ist bereits seit einem Monat so. Wir machen jetzt Spaziergänge statt Marathons. Es riecht hier wie in einem Altersheim. Natürlich bringt man nicht mehr die gleiche Motivation mit, aber im Team ist davon wenig zu spüren. Im Gegenteil, die Massenkündigung ist das beste Teambuilding, das Merck Serono je gemacht hat. Die verschiedenen Sprachen und Herkünfte meiner Mitarbeiter waren nie das Problem, sie schweissen uns zusammen. Das Problem ist die internationale Ausrichtung des Unternehmens. Hier muss sich etwas ändern, und hier ändert sich nun etwas, indem der Standort Genf geschlossen wird.

In der Pause habe ich mit den Streikenden zusammen Kaffee getrunken, die Unia hat Brioches verteilt. Jetzt gehe ich wieder arbeiten, und die anderen setzen ihren Streik fort, doch wir bleiben ein Team. Ich verurteile die Streikenden nicht für das, was sie tun. Ich habe nur das Gefühl, es ändert nichts an der Entscheidung von zwei, drei Leuten, wenn zwei-, dreihundert Leute streiken. Es ändert sich nur etwas für die einzelnen Mitarbeiter, und zwar verschlechtern sich ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Merck Serono ist keine Automobilfabrik, die ihre Arbeiter auf die Strasse stellt, und dann stehen die Arbeiter vor dem nichts, weil sie nichts anderes hatten und konnten als ihre Fliessbandarbeit. Wenn es so wäre, würde ich auch streiken gehen. Das hier sind alles hochqualifizierte Spezialisten, die kein Problem haben werden, eine neue Stelle zu finden. Es sei denn, sie streiken weiter.

In den letzten Wochen haben wir Vorschläge zur Rettung des Standorts gemacht, wir haben Geld gesammelt, wir haben einen Sozialplan erstellt. Wir wollten Merck Serono etwas Gutes tun, doch die Direktion hat all unsere Vorschläge abgelehnt. Mit dem Streik tun wir Merck Serono etwas Schlechtes, warum sollten sie jetzt auf uns hören? Die Direktion hört nicht auf den Bundesrat und nicht auf andere Konzerne, warum sollten sie auf uns hören? Einzig die Unia glaubt, mit dem Streik etwas bewirken zu können. Die Leute der Gewerkschaft machen Plakate und Parolen, sie verteilen Schirmmützen mit der Aufschrift ‹Streik›. Es ist ihr Streik, der Streik der Unia. Die Leute von Merck Serono wissen nicht, wie man streikt. Glauben Sie mir, es wäre einfacher, heute nicht zu arbeiten. Aber das ist nicht unsere Art von Widerstand. Die Streikenden werden rasch müde werden. Wir müssen arbeiten, nur so ist das Unternehmen auf uns angewiesen.

In den Zeitungen wird morgen stehen: Streik der Mitarbeiter von Merck Serono. Die Bilder zeigen die zwei-, dreihundert Leute, die streiken. Von den tausend Leuten, die heute arbeiten, spricht keiner. Haben wir etwa keine Meinung? Einige Leute drücken ihre Meinung durch Streik aus, wir durch Arbeit. Sie sind nicht zufrieden, wir sind auch nicht zufrieden. Und Merck Serono? Sie lassen die Glasfassade putzen. Haben Sie die Scheibenputzer gesehen? Sie hängen an Seilen vom Dach und schwingen hin und her.»

 

Erschienen als Duell in Reportage #6.

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