Leseprobe

Das Fest der Madonna del Carmine beginnt um Mitternacht mit Böllerschüssen. Die Hähne krähen, und die Hunde bellen, bis die Menschen die Hunde schlagen, die Hunde die Hähne beissen, und es wieder still ist.

Die Türen der Chiesa del Carmine bleiben während der Messe offen, auf der Treppe drängen sich Leute. Vor der Kirche steht die Blaskapelle bereit, ab und zu bläst einer in sein Instrument, auf dem Trichter der verbeulten Tuba steht GUARDAVALLE. Blaue, rote und weisse Banner werden aufgerichtet. Die Kirchenglocken läuten, und die Madonna del Carmine wird aus der Kirche herausgetragen in den Regen der Papierschnipsel.

Nonno sagt: «Schau, wie die Träger schwitzen! Und dafür haben sie noch bezahlt, dass sie die Madonna tragen dürfen. Deshalb habe ich nie die Madonna del Carmine getragen, sondern die Santa Maria dell’Assunta, die Schutzpatronin von Stilo. In Stilo musste ich nichts zahlen, und ich durfte essen und trinken, so viel ich wollte.»

Die Blaskapelle spielt einen Marsch und schreitet voraus, dann folgen die Banner und die Träger mit der Madonna. Kinder tragen eine Schärpe hinter der Madonna her, die Leute am Strassenrand heften Geldscheine an die Schärpe und schliessen sich der Prozession an. Die Madonna wird durchs ganze Dorf getragen, so dass sie auch die äussersten Häuser unter ihren Schutz nimmt. Über die Strassen, durch welche die Prozession führt, sind Leuchtbögen gespannt mit farbigen Blumenmustern. Nach zwei Stunden wird die Madonna in die Kirche zurückgetragen, und dort bleibt sie bis zum nächsten Jahr.

Nonno sagt: «Und weisst du was, Patric? Beim Fest in Stilo hatte ich Brillo dabei, unseren Hund, und auch er durfte essen, so viel er konnte. Nach dem Fest wollte ich mit dem Bus nach Guardavalle zurückfahren, aber der Chauffeur sagte: ‹Der Hund kommt nicht mit.› Ich war zu müde, um mit dem Hund zu gehen, also kam Brillo nicht mit. Ich fuhr mit dem Bus nach Guardavalle marina und stieg zu Fuss nach superiore auf. Als ich bei unserem Haus ankam, sprang mir Brillo entgegen und bellte.»

In den Strassen wird an Tischen Wein ausgeschenkt und Festgebäck verkauft. Nonna kauft mir eine Mostarda in Form eines Fischs, sie ist so hart, dass ich sie in Nonnos Wein tunke. Es gibt Stände mit Zuckerwatte und Süssigkeiten in buntem Papier, Roste voller Würste, Pizza am Stück und Arancini. Vor der Kirche stehen Stände mit Madonnafiguren und Rosenkränzen, aber auch solche mit Spielzeuggewehren und Musikkassetten. Die Kinder dürfen sich etwas aussuchen, für sie ist das Fest wie Weihnachten im Sommer.

Um Mitternacht gibt es ein grosses Feuerwerk und zum Schluss einen Böllerschuss. Die Erschütterung löst die Alarmanlagen einiger Autos aus. Sie heulen noch lange nach dem Feuerwerk, aber niemand kümmert sich darum, und das Fest geht weiter.

Die Kittel hängen zum Auslüften auf den Balkons. Nonno sagt: «In einer Woche ist das Fest der Santa Maria degli Angeli, da werden die Kittel wieder gebraucht, dann kommt das Fest der Santa Maria dell’Assunta und das Fest des San Rocco. Es gibt einfach zu viele Feste. Neben den Festen der Heiligen gibt es die Sagre, wo die Ernte geweiht wird. Es gibt das Bohnenfest, Zwiebelfest, Chilifest, Pilzfest, Zitronenfest, Olivenfest, Auberginenfest, Kastanienfest, Kürbisfest, Kartoffelfest, Pastafest, Ricottafest, Mozzarellafest, Salamifest, Morseddufest, Sardellenfest, Schwertfischfest, Stockfischfest, Schokoladenfest, Mandelfest, Honigfest, Nussfest, Feigenfest, Kaktusfeigenfest ...»
«Das ist wohl übertrieben.»
«Aber das schönste aller Feste ist das Winzerfest.»
«Wann ist das Winzerfest?»
«Wenn die Trauben reif sind. Mit Verwandten gingen wir in die Rebberge und lasen Trauben. Am Abend assen wir, was meine Mutter und die Zie in Schüsseln mitbrachten, wir tranken Wein vom Vorjahr und assen von den Trauben, die wir gepflückt hatten. Nach dem Essen spielte mein Vater Akkordeon und mein Zio Gitarre, wir sangen und tanzten und schliefen ein paar Stunden.»

aus: «Nonno spricht», Seite 39-42

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