Im Kopf des Wächters der Stille

Blick aus dem Vogelfangturm von Scudellate aufs Valle di Muggio

«Reisen sollte einen weiter und tiefer machen», sagt die Schriftstellerin Gertrud Leutenegger. Heute folgen wir diesem Rat bis zum Roccolo von Scudellate, einem jener Vogelfangtürme, die sich hier im unendlichen Kastanienwald verstecken. Ihren zuletzt erschienenen Roman «Matutin» tragen wir wie einen Talisman in unserem Rucksack.

Der Bus ab Chiasso Stazione ist mit Schülern in Wochenendstimmung gefüllt. «Bambini! Ma siete bravi!», ruft der Buschauffeur nach hinten, wo diese übermütig zwischen den Sitzen balgen. Entlang den Rebbergen entleert sich der Bus langsam, die Strasse steigt einer Wendeltreppe gleich bergan. In Scudellate sehen wir durch das Fenster über das Tal und den Wald, darin ist die Strasse hinter uns bereits wieder verschwunden. Die Kurve unterhalb der Osteria ist scharf. Das Postauto steckt darin fest wie ein Laubsägeli und es braucht einiges Hin und Her bis der Rank geschafft ist. Dann ist Endstation und wir können aussteigen.

Es riecht nach Ziegenmist, der auf der Strasse klebt, und nach dem Essen der Osteria. Wir gehen der Nase nach. Die Wirtin weiss von unserem Vorhaben, den Roccolo oberhalb des Dorfes zu besuchen. Sie händigt uns den Schlüssel sowie eine Dokumentation vom Ortsmuseum aus, dazu bringt sie uns zweimal Teller und Besteck. «Auch ihr jungen Leute lebt nicht von Luft und Liebe», sagt sie in ernstem Ton. Ob das Restaurant das ganze Jahr über geöffnet sei, frage ich sie. «Ja, wir leben ja hier drin. Im Winter oder wenn es regnet, muss man zuerst anrufen. Aber Zincarlìn, den Ziegenkäse vom Tal, Brot, eine Minestrone, das gibt es eigentlich immer.» Ich stelle mir den Topf mit der Minestrone wie ein Orakel vor, das, seit es das Dorf gibt, nie ausgegangen ist. «Bon App», sagt die Wirtin, als sie die dampfenden Teller vor uns auf den Tisch stellt. Während wir im Hundeschwumm durch die italienische Sprache paddeln, bleibt sie ihrem Dialekt treu, mit einem Lachen, das über all ihre Zähne geht. Unterdessen haben sich auch die anderen Tische gefüllt, wir sitzen zwischen Männern in leuchtorangen Arbeitshosen am Puls eines Dorflebens, das entgegen unseren Erwartungen einen erstaunlich geschäftigen Gang geht. «Hier ist ja noch die heile Welt», sagt ein Tourist am Nebentisch, «alles andere und auch die Zukunft scheint so weit weg.» Tatsächlich beginnt sich das Tal am Rand und im Dunst des Nachmittags langsam aufzulösen. Wir machen uns auf den Weg, zu einem jener charakteristischen Turmbauten dieser Region, die, wie Gertrud Leutenegger schreibt, «weiter gegen die Ebene zu, auf kleinen Anhöhen zwischen Rebbergen, so unförmig vom Efeu überwuchert sind, dass man sie darunter nicht mehr erkennt, oder im Wald hinter einem Dorf vor sich hindämmern, von einem gewaltigen Riss wie von einem Blitzschlag gespalten.»

Wenn Sie den Vogelturm betreten möchten, finden Sie den ganzen Artikel hier als pfd.

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